Auseinandersetzungen

Text zur Arbeit von Dr.in Martina Gelsinger

Bevorzugtes Material von Iris Christine Aue ist Papier, das aus seiner Zweidimensionalität und Funktion als Bildgrund ausbricht, in den Raum greift, gebrochen, verbogen und eingeschnitten wird. Das Medium ist zugleich Bildzeichen und Bildträger. Während die Oberfläche der Vorderfront durch die „Behandlung“ mit Aquarell, Farb- und Bleistift klar formuliert ist, erzählt die Rückseite von der schrittweise wachsenden Arbeitstechnik. Die Papier- und Stoffteile sind als einzelne Elemente zu erkennen, die zusammenfügenden Nähte sind deutlich sichtbar.

Das Motiv der Distel in den Arbeiten im Festsaal des Bischofshofes ist bewusst in der Ambivalenz der Pflanze als geschmähtes Unkraut und geschätzte Heilpflanze gewählt. Zäh im Wachstum, geschmeidig und weich, kann sie sich selbst in einem kleinen Betonspalt entfalten. Die Blätter sind stachelig und verletzen. Zugleich bergen sie eine prächtige Blüte. Iris Christine Aue beschäftigt sich dabei mit dem Prozess des Erschaffens, der anschließenden Zerstörung und des versöhnenden Wieder-Zusammensetzens. Sorgfältig gezeichnete und präzise geschnittene Papierarbeiten werden mit der Klinge eines Skalpells zerschnitten. Die Teile werden auseinandergenommen, anders geordnet und zu einem neuen – vom Arbeitsprozess versehrten – Bild zusammengesetzt. Inhalt, Form und künstlerische Ausführung der Papierarbeiten nehmen unmittelbar aufeinander Bezug und eröffnen durch die vielfältigen Ebenen und Ansichten – dem figuralen Motiv, den Papierüberlappungen und den Nähten – neue Sinnschichten.

 

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